Fastenpredigt von Prof. Dr. Martin Lörsch - am 11. März 2018 im Trierer Dom

Grenzen des Fortschritts

Die Götzen sind nur Silber und Gold,
ein Machwerk von Menschenhand

(Ps 135,15)

Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis

„Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis“, so formuliert es Paul Tillich (1886-1965), Religionsphilosoph und evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts. „Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis“ – das ist mehr als eine seiner zentralen wissenschaftlichen Erkenntnisse; dieses Motiv hat er selbst erlebt, gelebt und durchlebt als Grenzgänger zwischen unterschiedlichen Welten seiner Zeit und nicht zuletzt Brückenbauer zur katholischen Kirche und zur katholischen Theologie. „Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis“ - An dieses Wort wurde ich immer wieder bei der Vorbereitung auf das Thema „Grenzen des Fortschritts“ erinnert. Mit diesem Einstieg will ich Sie in dieser Fastenpredigt einladen, über einige Aspekte des Fortschritts nachzudenken, bei denen wir Erfahrungen mit der „Grenze“ machen können.

(Zitat: Vgl. Tillich, P.: Begegnungen, in: Gesammelte Werke XII, Berlin 1992, 13.)

Bei Grenzerfahrungen sind wir alle im Spiel, bei jedem/jeder von uns löst das Thema Gedanken, Bilder und Ereignisse aus:

  • Heute verstarb in den frühen Morgenstunden Karl Kardinal Lehmann: Die Todesnachricht konfrontiert uns mit den Grenzen unseres irdischen Lebens, mit Krankheit, Leiden und Sterben, Tod eines geliebten Menschen. Zugleich ruft sie die Sehnsucht nach dem unbegrenzten, „ewigen“ Leben wach...
  • Heute vor sieben Jahren ereignete sich vor der Ostküste Japans ein schweres Seebeben. Die Erdstöße sowie die nachfolgende Flutwelle (Tsunami) verursachen gravierende Schäden im Atomkraftwerk Fukushima. In den Blöcken 1 bis 3 scheitern alle Versuche, die Reaktoren ausreichend zu kühlen. In ihnen kommt es zur Kernschmelze, zum Super-GAU. Explosionen zerstören die Gebäudehüllen. Die Langzeitfolgen des Unfalls werden sich über einen unabsehbaren Zeitraum von mehreren tausend Jahren erstrecken! Schlagartig erinnert uns diese Grenzerfahrung an die bis heute nicht bewältigten Probleme der Atomtechnologie (z.B. Endlager für den Atommüll).
  • Leidenschaftlich wird in Zeitungen, Fernsehnachrichten, Talkshows… über ethische Grenzen diskutiert: Wie sollen wir heute leben angesichts der begrenzten Ressourcen dieser Erde? – Können wir den Fleischkonsum aufrechterhalten – angesichts der Massentierhaltung und der gnadenlosen Ausbeutung ausländischer Leiharbeiter auf unseren Schlachthöfen? – Wie möchten wir im Alter leben und wie uns auf den letzten Abschnitt unseres Lebens vorbereiten; werden wir selbst einmal den assistierten Suizid als „Tod aus eigener Hand“ in Erwägung ziehen?

An solchen und anderen Grenzerfahrungen kommen wir nicht vorbei, irgendwann ist jeder von uns mit ihnen ganz persönlich konfrontiert. Die Geburt des eigenen Kindes und der Abschied von einem geliebten Menschen, die Hochzeitsfeier oder das Weiheversprechen auf Lebenszeit; eine schwere Erkrankung und Lebenskrise…

„Die Grenze als eigentlich fruchtbarer Ort der Erkenntnis“ – Grenzen erschließen fruchtbare Erkenntnis, reißen heraus aus Gedankenlosigkeit und konfrontieren mit zentralen Fragen meiner Existenz. Grenzen machen aber auch die Bruchlinien „furchtbarer“ Erkenntnis sichtbar: Grenzorte, die mich mit Leid-Erfahrung und schmerzlichen Ergebnissen konfrontieren... – Das gilt auch und gerade beim Thema „Grenzen des Fortschritts“.

  • Die Unterscheidung der Geister

    Als Schriftwort für diese Fastenpredigt habe ich den Psalm 135 ausgewählt. Ein Text aus dem Gebetbuch des alttestamentlichen Volkes Gottes, aus dem bereits Jesus gebetet hat und dessen Worte bis heute weiterklingen: im Stundengebet der Kirche, in den Klöstern, Kathedralen, im persönlichen Gebet... – Vielleicht haben Sie sich beim Hören des Psalms 135 gewundert, dass in ihm (mitten in der Fastenzeit) bereits das österliche Halleluja anklingt. Damit beginnt und endet der Psalm, das Halleluja rahmt das Gebet gleichsam ein. Und mehr noch: In ihm klingen bereits die Grundmelodien der Osternacht mit ihren Lesungen an.

    Mir scheint, der Psalm 135 passt zum heutigen 4. Sonntag der österlichen Bußzeit: weil uns mit dem Sonntag „Laetare“ bereits ein Ausblick auf Ostern geschenkt wird. Er passt auch als Schriftwort zum Thema „Grenzen des Fortschritts“, denn er hilft, die „Geister zu unterscheiden“ (Ignatius von Loyola) entlang der Grenzen des Fortschritts: zwischen Gott und den Götzen, zwischen dem, was dem Leben dient, und dem, was das Leben gefährdet… - Einige Worte des Psalms will ich noch einmal vortragen und in Erinnerung rufen:

    Herr, dein Name währt ewig, /
    das Gedenken an dich, Herr, dauert von Geschlecht zu Geschlecht.

    Denn der Herr verschafft Recht seinem Volk; / er hat mit seinen Knechten Mitleid.
    Die Götzen der Heiden sind nur Silber und Gold, /ein Machwerk von Menschenhand.
    Sie haben einen Mund und reden nicht, / Augen und sehen nicht;
    sie haben Ohren und hören nicht; / auch ist kein Hauch in ihrem Mund.
    Die sie gemacht haben, sollen ihrem Machwerk gleichen, / alle, die den Götzen vertrauen.

    Haus Israel, preise den Herrn! / Haus Aaron, preise den Herrn!
    Haus Levi, preise den Herrn! / Alle, die ihr den Herrn fürchtet, preist den Herrn!

    Der Psalm stellt uns vor die Wahl: Gott oder die Götzen? Guter oder destruktiver Fortschritt? Was dient dem Leben und was behindert es? – Mit dieser Frage möchte ich mit Ihnen in einer geistlichen Betrachtung nachdenken, welche Erkenntnis wir angesichts der Grenzen des Fortschritts gewinnen, welche Glaubensperspektiven sich uns eröffnen und wie wir selbst in das Gotteslob dieses Psalms einstimmen können.

    Dabei nehme ich Bezug auf Papst Franziskus, an dessen Wahl vor fünf Jahren wir in der kommenden Woche erinnert werden. Vor fast drei Jahren hat er die Enzyklika „Laudato si“ (24.5.2015) veröffentlicht. Mit diesem Schreiben wendet er sich an die Gläubigen, zugleich aber auch an alle Menschen der Erde. Ihn treibt die Sorge um das gemeinsame Haus „Erde“. Wie ein Prophet weist er uns auf die Grenzen des Fortschritts hin und mahnt zum Umkehren. Er wirbt für Gerechtigkeit gegenüber den Armen und für eine Kultur des Lebens für alle Geschöpfe dieser Erde! Er wirbt für einen Fortschritt, der nicht zulasten der Anderen geht: vor allem der Armen, der Notleidenden in den Ländern des Südens, der nachkommenden Generationen und nicht zuletzt der Schöpfung Gottes.

    Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus (herausgegeben vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz) – Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 202, Bonn 2015 - online

Drei Grenzen des Fortschritts

In drei Durchgängen will ich mit Ihnen über die „Grenzen des Fortschritts“ meditieren und Sie dann einladen, Ihren eigenen Weg der Umkehr zu wagen.

Grenzen: ...

  • Mit Verstand verschieben
  • aus Einsicht akzeptieren
  • aus Liebe annehmen

Mit Verstand Grenzen verschieben

Wo stünden wir, wenn wir uns nicht täglich an den Grenzen des Fortschritts abarbeiten würden, weil wir Grenzen nicht akzeptieren, sondern sie mit Verstand verschieben. „Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis“: Wie fruchtbar haben sich solche Grenzen erwiesen, an denen Wissenschaftlerinnen und Forscher sich abgearbeitet und sich mit diesen Grenzen nicht abgefunden haben (vgl. LS 102).

Unglaublich, was menschlicher Verstand, Wissenschaft und Technik gerade in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten zum Wohle der Menschen und der Menschheit entdeckt, erfunden und entwickelt haben! Keine und keiner von uns möchte die Fortschritte in Medizin, Technik, Kommunikation und Medien missen. Dank des technischen Fortschritts leben wir heute im Durchschnitt deutlich länger. Wir können unsere Lebensqualität in zuvor ungeahnter Weise steigern, und dafür sind wir dankbar. Daher verbieten sich jeder unbedachte kulturpessimistische Zungenschlag und sauertöpfische Predigtton!

Im Gegenteil: Grenzen des Fortschritts mit Verstand zu verschieben ist ganz in Ordnung, wenn die positiven Seiten gegenüber den negativen überwiegen, wenn wir damit ein „Mehr“ erzielen: Ein Mehr an Lebensperspektiven und Lebensqualität, für heute und morgen, für uns und die Menschheit, für Mensch und Tier, für Gottes gute Schöpfung.

Grenzen des Fortschritts akzeptieren,
weil die Ressourcen der Erde begrenzt sind und wo sie ethisch geboten sind

Die Grenzen des Fortschritts werden uns wie eine Rote Karte gezeigt: Wir Menschen in den Industrienationen leben über unsere Verhältnisse! Die negativen Folgen des ökologischen „Fußabdrucks“ der Industrieländer in den Ländern des Südens (z.B. El Niño in Lateinamerika) sind unübersehbar. Wir leben auf Kosten der Anderen: der Menschen in den Ländern des Südens, der künftigen Generationen, der Menschen, Tiere und Pflanzen, die auch morgen ein Recht auf sauberes Wasser, auf gute Luft, auf ein würdiges Leben haben! „Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis“ – diese Grenze ist uns gesetzt aufgrund der begrenzten und knappen Ressourcen auf der Erde. Sie zwingt uns, den Fortschritt neu zu definieren (vgl. LS 194) und uns Grenzen zu setzen, wo sie ethisch geboten sind.

Die Wohlhabenden verbrauchen Jahr für Jahr mehr Naturressourcen (Nahrung, Rohstoffe, Wasser, Luft, Energie…) als die Erde im Jahreslauf regenerieren kann – Tendenz steigend! Die Bilanz fällt erschreckend aus: Im Jahr 1970 ist der „Erdüberlastungstag“ im Dezember erreicht worden. Im Jahr 1990 im Oktober, vor zehn Jahren Mitte August. 2017 war dieser Tag bereits Anfang August erreicht –wohlgemerkt als globaler Mittelwert. Dabei sind die Industrienationen (und zunehmend auch die Schwellenländer) die Hauptverursacher des ökologischen Raubbaus auf der Erde. Wenn wir den Lebensstil von uns Deutschen weltweit zugrunde legen würden, wäre schon am 24. April 2017 der Kontostand für die Überlastung der Erde erreicht worden. Diese Daten machen unmissverständlich klar: Wir leben über unsere Verhältnisse und auf Kosten der armen Länder, der Kinder, die jetzt geboren werden, und der künftigen Generationen – Menschen, Tiere und Pflanzen. Auch sie haben ein Recht auf sauberes Wasser, auf gute Luft, auf ein würdiges Leben – heute und morgen.

Vgl. Geleitwort von Hans Kessler, in: Franz Neidl: Wozu braucht uns diese Erde? Die ökologische Spiritualität in Laudato si, Kevelaer 2018, 8f.

Hier lautet der Erkenntnisgewinn für uns Christen: Umkehren – bevor es zu spät ist! Als Kinder Gottes und als Bewohner der Erde zukunftsfähige Leitbilder zum Fortschritt formulieren! Eintreten für „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“. (vgl. Ökumenisch-konziliarer Prozess für Gerechtigkeit-Frieden-Bewahrung der Schöpfung).

Vgl. Martin Lörsch: Kirchen-Bildung. Eine praktisch-theologische Studie zur kirchlichen Organisationsentwicklung, Würzburg 2005, 228-233.

Fortschritt und Entwicklung sind wie Zwillinge der Menschheitsgeschichte. Keine Entwicklung der Menschheit ohne Fortschritt. Denn Gott hat uns Menschen mit Vernunft begabt, um forschend und entdeckend auf Grenzen zu stoßen, diese zu überwinden und dabei immer wieder neue Möglichkeiten auszuloten. Dabei sind wir aber auch ständig mit der Ur-Versuchung konfrontiert, die uns seit dem ersten Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies (vgl. Gen 3,1-24) begleitet: Wo wollen wir „wie Gott“ sein? Welche Grenze ist uns ethisch geboten? Die Versuchung und der Versucher begleiten uns Menschen von Anfang an. Nicht erst heute wird uns grenzenloser Fortschritt offeriert:

  • Die Aussicht auf Unsterblichkeit als Ausblick auf ein Ewiges Morgen, vorgestellt und entfaltet im Bestseller „Homo Deus“ des Historikers Yuval Noah Harari

(Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, München 2017)

  • Die Verheißung einer ungeahnten Brotvermehrung aufgrund genveränderten Saatguts,
  • Die reale Möglichkeit, „unblutige bzw. risikoarme Kriege“ zu führen – zum Schutz der eigenen Soldatinnen und Soldaten, indem Kriegsroboter zum Einsatz kommen, (und in absehbarer Zeit vielleicht sogar „geklonte“ Menschen, die als Söldner der Zukunft das „schmutzige Kriegshandwerk“ betreiben) sowie die Verlagerung kriegerischer Auseinandersetzungen in die virtuelle Welt der Computer in Form des „Cyber-War“.

Weitere Beispiele ließen sich noch nennen. Sie konfrontieren uns Christen und letztlich die ganze zivilisierte Welt mit der Frage: Wo gilt es, um der Würde des Menschen und der Zukunft der Menschheit willen den negativen Folgen des Fortschritts und einer naiven Fortschrittsgläubigkeit zu widerstehen? Wo müssen wir die ethisch gebotenen Grenzen des Fortschritts annehmen, um den fortschreitenden moralischen Verwerfungen in der Gesellschaft nicht weiter Raum zu geben? Wo gilt es heute, der Gefahr der schiefen Ebene grenzenlosen Wachstums aus christlicher Überzeugung zu widerstehen? „Nein-Sagen“ gegenüber einem Fortschrittsversprechen, wenn dabei die Würde des Menschen mit Füßen getreten wird! „Nein-Sagen“, wenn die Zukunft der Menschheit, der Tiere und Pflanzen als unsere Mitgeschöpfe aufs Spiel gesetzt wird.

Mit dem Kompass des Gewissens erkennen wir: Fortschritt ist kein WERT an sich, Fortschritt zählt nicht zu den Primärtugenden. Fortschritt ist wie ein wildes Pferd: Wie dieses durch die Reiterin, den Reiter gezähmt und geführt wird, so benötigt der Fortschritt sichere Hände, die ihm die Zügel halten und ihn zügeln.

Angesichts der Verheißungen eines „grenzenlosen Fortschritts“ werden wir – und das ist der Erkenntnisgewinn der ethisch gebotenen Grenzen - an die Werte (vgl. LS 128) und Tugenden erinnert, die vielfach in Vergessenheit zu geraten drohen. Sie können einem undefinierten Fortschritt „die Zügel anlegen“, ihm Richtung und Ziel, Grenzen setzen und Geschwindigkeit vorgeben. Dabei darf ich Sie an die drei christlichen Tugenden erinnern: Glaube, Hoffnung, Liebe und die vier Kardinaltugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Maßhalten und Tapferkeit. So können sich auch die ethisch gebotenen Grenzen des Fortschritts als fruchtbarer Ort der Erkenntnis erweisen.

Auf die Aktualität der drei christlichen Tugenden und über das „Viergespann der Kardinaltugenden“ (Josef Pieper) kann ich an dieser Stelle nur hinweisen, über sie könnte man eine eigene Fastenpredigtreihe halten.

Aus Liebe angenommene und freiwillig akzeptierte Grenzen des Fortschritts mit der Verheißung „Gutes Leben und Zusammenleben“

Das Christentum und mit ihm alle Weltreligionen – darauf weist Papst Franziskus in Laudato si hin – verfügen über eine spirituelle Quelle/Ressource, die Menschen und menschliche Gemeinschaften angesichts der Grenzen des Fortschritts über sich hinauswachsen lassen. Es ist die Liebe, die sich im Doppelgebot der Liebe entfaltet, die „Gottes- und Nächstenliebe“!

Damit komme ich zur dritten Weise im Umgang mit den Grenzen des Fortschritts: Aus Liebe freiwillig Grenzen akzeptieren, auf Möglichkeiten und Fortschrittsverheißungen aus freien Stücken verzichten! Verzicht, wo ich etwas in Anspruch nehmen könnte, was ich mir verdient habe, auf was ich vielleicht sogar einen Rechtsanspruch hätte.... Mit diesem Gedanken komme ich wieder auf den Psalm 135 zurück, konkret auf seinen letzten Vers. Der lautet:

Gepriesen sei der Herr auf Zion, / er, der thront in Jerusalem. / Halleluja

Im Zugehen auf die Passion Jesu und im Blick auf den gekreuzigten und auferstandenen Christus enthält dieser Vers für gläubige Christen einen besonderen Klang: „Er, der thront in Jerusalem…“ Bei diesem Wort können wir auch an Christus denken, an den mit der Dornenkrone Gekrönten und auf Golgatha am Kreuz Erhöhten! Es ist der Christus, „der unseretwillen arm wurde, um uns reich zu machen“ (2 Kor 8,9) – der sich aus Liebe als Weizenkorn in die Erde senken ließ (vgl. Joh 12,24), uns mit reicher Frucht zu beschenken, der am Kreuz die ganze Menschheit und die Schöpfung erlöst hat.

Für eine ökologische Spiritualität

Wir spüren: Mit Grenzen umzugehen erweist sich als hoch anspruchsvolle Herausforderung auch für uns Christen! Wie komme ich zur Unterscheidung der Geister? Wie lerne ich, den uneinlösbaren Versuchungen von Fortschrittsverheißungen zu widerstehen? Wie reife ich in eine Haltung der Großherzigkeit hinein? Wie lerne ich, freiwillig auf Rechte und Möglichkeiten zu verzichten? Als Antwort auf diese Fragen wirbt Papst Franziskus im 6. Kapitel von „Laudato si“ für eine ökologische Erziehung und Spiritualität. Durch ökologische Bildung motiviert und von spirituellen Quellen inspiriert können wir als Christen konstruktiv und proaktiv (vorausschauend und mit Weitblick) mit den Grenzen des Fortschritts umgehen.

Anhand von drei Beispielen möchte ich erläutern, wie wir aus dieser Spiritualität ins Handeln kommen können:

  • Sonntagskultur
  • Gemeinsames Haus
  • Ökologische Spiritualität

Sonntagskultur und ökologische Spiritualität

Ökologische Spiritualität lädt uns ein, die persönliche Sonntagskultur und die Gewohnheiten unserer Sonntags-Gottesdienstgemeinden zu überdenken. Dabei erinnere ich an unsere Synode, in der sich eine Sachkommission (SK 6: „Der Sonntag und die Gestaltung des Sonntagsgottesdienstes“) intensiv mit der Zukunft des Sonntagsgottesdienstes und der Erneuerung der Sonntagskultur beschäftigt hat. An ihre Ideen gilt es anzuknüpfen. Vielleicht könnten uns sogar die Freikirchen Orientierung und Vorbild sein: Ihre Art, den Sonntag in Gemeinschaft zu feiern und eine vom Osterglauben gespeiste Sonntagskultur zu pflegen. Dann finden wir auch in den vielfältigen Quellen unserer eigenen Tradition des geistlichen Lebens Impulse, dem Sonntag in unseren Gemeinden eine stärker ökologische Gestalt zu geben: in der Gestaltung des Gottesdienstes und in den Formen ermutigender Begegnung, im einfachen aber gemeinsamen Essen und Trinken, und nicht zuletzt in einem ökologisch verantworteten Umgang mit unserer Mobilität.

Vgl. Abschlussdokument der Synode im Bistum Trier: heraus gerufen. Schritte in die Zukunft wagen, Trier 2016, 51; Anlage: Die Empfehlungen der Sachkommissionen im Wortlaut: 2.23 Sonntagsgottesdienst/ Sonntagspflicht und 2.24 Kultur der Begegnung. - online

Viele von uns leben in einer Single-Kultur: Mehrheitlich leben die Menschen in unseren Städten alleine, viele von ihnen in zu großen Wohnungen, mit überdurchschnittlich hohen Lebenshaltungskosten und Energieverbrauch. Zur Single-Kultur zähle auch ich mich wie viele meiner Mitbrüder! Eine ökologische Spiritualität motiviert,

  • das Leben bewusst mit anderen zu teilen, sich freiwillig in seinen Wünschen nach Individualität und Freiheit einzuschränken...
  • In Sorge um das gemeinsame Haus und Gottes Schöpfung eine Kultur nachbarschaftlicher Beziehungen zu pflegen: im Quartier, im Wohnviertel oder im Dorf... –
  • Sich vor Ort für gutes Leben und Zusammenleben mit den Nächsten, den Fremden, Kindern, Alten, Menschen mit Behinderung… einzusetzen, mit ihnen zu teilen, und einander mitzuteilen, was wir haben und was uns in guter Nachbarschaft zusammenführt.
  • Im Sozialraum für ein ökologisches Wohn- und Lebensklima (im doppelten Sinne) eintreten in Sorge um das gemeinsame Haus.

Politisch-ökologisches Engagement und ökologische Spiritualität

Die Echtheit einer ökologischen Spiritualität erweist sich nicht zuletzt darin, dass Christinnen und Christen ihren Glauben auch über den Nahraum hinaus bezeugen und dadurch ihre Mitsorge für die Erde, das gemeinsame Haus der Menschheit und der Schöpfung zum Ausdruck bringen. Das beginnt schon beim bewussten Einkaufs- und Konsumverhalten. Die ökologische Spiritualität findet aber auch ihren Ausdruck in den vielfältigen Formen des sozialen und politischen Engagements als Christ und Bürger - in Verbänden, Initiativen und Parteien, vom kommunalen Raum bis hin zur Politik auf nationaler und europäischer Ebene.

Drei Dimensionen ökologischer Spiritualität habe ich Ihnen mit konkreten Beispielen vorgestellt. Darin kann mein persönlicher Glaube, meine eigene Hoffnung und meine Liebe Gestalt gewinnen und in der Gestaltung meines Lebens zum Ausdruck kommen. Und das könnte unser kreativer Beitrag im Umgang mit den Grenzen des Fortschritts sein: Umkehren zu einem guten Leben in einer Kultur der Askese (= bewusstes Verzichten und Genießen). Umkehren zu einem Leben, das gut tut, mir persönlich und uns zugleich – mit Blick auf die Menschheit (heute und morgen) und nicht zuletzt als mein Segenswunsch für Gottes gute Schöpfung. Mit dem Ziel vor Augen: Vom Überleben auf unserem Planeten zu einem Leben, wie es im Psalm 135 anklingt: Unter dem Segen Gottes Lebensperspektiven für alle eröffnen!

Umkehr als „Be-Sinnung“ auf das, was wahrer Fortschritt ist: Fortschreiten in Glaube, Hoffnung und Liebe. Denn nur der Fortschritt in Glaube, Hoffnung undLiebe kennt keine Obergrenze!

Gebet von Papst Franziskus – Ausdruck einer ökologischen Spiritualität

„Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis“ – mit diesem Gedanken von Paul Tillich bin ich in meine Fastenpredigt zu „Grenzen des Fortschritts“ eingetreten. In den Betrachtungen haben sich die Grenzen des Fortschritts als ein Ort fruchtbarer, jedoch auch als Ort furchtbarer Erkenntnis erwiesen. Neben den faszinierenden Möglichkeiten aufgrund menschlicher Kreativität wird uns immer mehr auch klar, wie sehr wir über unsere Verhältnisse gelebt haben und weiterhin leben. Wenn wir so weitermachen, zerstören wir die Erde und die Ressourcen für das gemeinsame Haus.

So stehen wir da in der Selbsterkenntnis: Wir sind nicht Schöpfer, sondern sind und bleiben Geschöpfe! Aber gerade in der Annahme unserer Grenzen als Geschöpfe werden wir uns auch wieder der Würde unserer Geschöpflichkeit bewusst. In dieser Menschen- und Gottes-Würde können wir uns an den Schöpfer wenden und Gott unsere Sorge für das Überleben und die Zukunft des gemeinsamen Hauses anvertrauen. Ich lade Sie ein, in das „Gebet für unsere Erde“ einzustimmen, das Papst Franziskus an das Ende der Enzyklika „Laudato si“ gestellt hat als Ausdruck seiner eigenen ökologischen Spiritualität:

Allmächtiger Gott,
der du in der Weite des Alls gegenwärtig bist und im kleinsten deiner Geschöpfe,
der du alles, was existiert,
mit deiner Zärtlichkeit umschließt,

gieße in uns die Kraft deiner Liebe ein,

damit wir das Leben und die Schönheit hüten.
Überflute uns mit Frieden,

damit wir als Brüder und Schwestern leben

und niemandem schaden.


Gott der Armen, 
hilf uns, 
die Verlassenen und Vergessenen dieser Erde,
die so wertvoll sind in deinen Augen, 
zu retten.

Heile unser Leben, 

damit wir Beschützer der Welt sind

und nicht Räuber, 
damit wir Schönheit säen

und nicht Verseuchung und Zerstörung.


Rühre die Herzen derer an, die nur Gewinn suchen

auf Kosten der Armen und der Erde.

Lehre uns, 
den Wert von allen Dingen zu entdecken

und voll Bewunderung zu betrachten;

zu erkennen, dass wir zutiefst verbunden sind
mit allen Geschöpfen

auf unserem Weg zu deinem unendlichen Licht.
Danke, dass du alle Tage bei uns bist.

Ermutige uns bitte in unserem Kampf

für Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.