Fastenpredigt von Dr. Hans Günther Ullrich - am 18. Februar 2018 im Trierer Dom

Horizonte des Fortschritts

Eins, zwei, drei im Sauseschritt
eilt die Zeit, wir eilen mit…

(Wilhelm Busch, Julchen, 1877)

Fortschritt: ein Schlüsselphänomen

Es ist unverkennbar: der Rhythmus der Veränderungen im Leben der Menschen hat sich enorm beschleunigt. Mancher meint, dass sich in den letzten 50, 70 Jahren im alltäglichen Leben der Menschen mehr verändert hat als in den 500 Jahren davor. Wir eilen mit: wir rennen ständig und atemlos hinterher. Papst Franziskus gebraucht den Begriff rapidación - etwa: Verschnelligung - um zu sagen: die Abfolge der Veränderungen ist ein so schneller, reißender Strom, dass man kaum noch zum Nachdenken, zum Verarbeiten kommt. Man wird einfach mitgerissen.

Fortschritt ist ein Schlüsselphänomen der Menschheit - ihrer Geschichte, ihrer Gegenwart und Zukunft, und hat viele Denker beschäftigt. Nicht jede Veränderung ist ein Fortschritt. Es geht immer um Bewertungen, um Welt- und Menschenbilder. Aus ihnen ergibt sich, ob eine Veränderung positiv oder negativ eingeordnet wird, ob etwas Fortschritt oder Rückschritt, Gewinn oder Verlust ist. Eine Veränderung ist nur dann ein Fortschritt, wenn sie uns einem Ziel näherbringt. Und die Vorstellungen vom Ziel der Geschichte, der Welt, des Menschen sind sehr verschieden. Manche Theorien, nicht nur Karl Marx in seinem historischen Materialismus, sahen die Geschichte der Menschheit als einen zwangsläufigen Fortschritt auf ein fixes Ziel der Geschichte hin. Für Marx war das Ziel die klassenlose Gesellschaft im Kommunismus. Und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und des Ostblocks meinte 1992 ein US Historiker, Francis Fukuyama, das Ende der Geschichte sei gekommen.

Heute sind die Vorstellungen wieder viel offener. Alle spüren irgendwie: nach Mittelalter und Neuzeit bricht etwas Neues an, es hat noch keinen Namen, nur von Post-Moderne wird gesprochen. Es gibt keine vorgegebenen Bahnen, auf denen wir gehen könnten oder müssten. Fortschritt ist damit auch ein Schlüsselthema für jeden Einzelnen. Was ist für mich ein Fortschritt, welchen Zielvorstellungen folge ich? Schwimme ich einfach mit im mainstream, oder gehe ich meinen eigenen Weg? Das sind komplexe Fragen von großer Relevanz für unser Leben.

Deshalb haben wir dieses Thema für die fünf Fastenpredigten 2018 gewählt. Es erwarten Sie heute und an den nächsten vier Sonntagen keine geschichtsphilosophischen Vorträge, sondern Predigten, also Überlegungen und Impulse zu einem aus dem Glauben gestalteten Leben des Einzelnen und der Gesellschaft. Sie sollen dazu helfen, über die Grundlagen des Menschseins und des Fortschritts nachzudenken. Nach dem Fortschritt fragen heißt nach dem Sinn, nach der Berufung des Menschen zu fragen. So gibt es im Menschen von Anbeginn ein unermüdliches Bestreben, die Welt zu erschließen und ihre Möglichkeiten zu entfalten: um diese Treiber des Fortschritts geht es am kommenden Sonntag. Die große Frage nach dem Ziel des Ganzen wird immer dringlicher und ist Thema in zwei Wochen, gefolgt von Überlegungen zu den Grenzen des Fortschritts, bis in der letzten Predigt eine Gesamtschau erfolgt. Treiber – Ziele – Grenzen: dazu soll heute nichts vorweggenommen werden.

  • Horizonte des Themas „Fortschritt“

    Heute wollen wir uns zunächst einen gewissen Überblick verschaffen über die Horizonte des Phänomens Fortschritt, über die Perspektiven und Fragen, die mit diesem Begriff verbunden sind, vor allem: was hat das mit mir zu tun und mit meinem geistlichen Leben?

    Im alltäglichen Gebrauch ist der Begriff Fortschritt technisch-wissenschaftlich geprägt: denken Sie z.B nur an die Entwicklung von den ersten raumgroßen Computern, den ersten Taschenrechnern mit rot funkelnden Ziffern, über PCs und Tablets bis zu den Smartphones und ihren Apps heute. Anderes Spektakuläres, wie der erste bemannte Mondflug vor 50 Jahren… heute fast schon vergessen. Fernseher, Autos und Flugzeuge, Roboter, Sensoren, Internet, Medizin und Pharmazie, Gentechnik und Molekularbiologie… alle Lebensbereiche. Auch Atomenergie und Atombombe.

    Die Lebenserwartung hat sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts fast verdoppelt, das Leben wird immer mehr erleichtert. Dazu zählen auch politische, kulturelle und soziale Dimensionen von Fortschritt. Durch den Fortschritt der Produktivität hat das Wohlstandsniveau ungeahnte Höhen erreicht, jedenfalls in Europa und Nordamerika. Der durchschnittliche Bewohner der westlichen Welt hat ein Auto, ein Smartphone, einen Kühlschrank voller Essen und einen Badezimmerschrank voller Medizin – alles Dinge, von denen seine Vorfahren nicht mal träumen konnten. Die Gesellschaft hat sich organisiert: Sozialversicherung, Bildungszugänge, Gleichberechtigung von Mann und Frau. Es sind nicht nur technische, sondern auch soziale Veränderungen in all ihrer Zwiespältigkeit: etwa die Deregulierung und Liberalisierung der Finanzmärkte. Und bei Phänomenen, die heute in aller Munde sind – wie Globalisierung und Digitalisierung – geht es inzwischen weniger um Technik als um deren Anwendungsmöglichkeiten, um das, was der Mensch daraus macht.

  • Fragen an den „Fortschritt“

    Aber wir sehen immer deutlicher auch die globalen Probleme und Herausforderungen: Klimaveränderung und ihre Folgen, zunehmende Instabilität und Konflikte, neue globale Machtstrukturen, getrieben von der dominierenden Rolle der Finanzmärkte, wachsende Ungleichheit. Zentral: Informationen sind weltweit in Echtzeit verfügbar, die Welt wächst digital zusammen, es entsteht ein echter globaler Diskurs, zu dem alle gleichen Zugang haben. Aber die Nationalstaaten verharren in Egoismus - zum Teil sogar zunehmend. Die Wirtschaft ist der Motor der Entwicklung, die treibende und gestaltende Kraft. Sie ist auf den Nutzen für private Kapitaleigner ausgelegt, nur funktionierende Geschäftsmodelle haben eine Chance – Pharmaka für Entwicklungsländer lohnen sich tendenziell nicht. Neue Geschäftsmodelle zielen auf Abschöpfung statt auf Wertschöpfung.

    Kulturelle Probleme: Rastlosigkeit breitet sich aus, Unübersichtlichkeit und Mangel an Orientierung, die neue Betonung kultureller Unterschiede, um sich nicht verloren zu fühlen. Anzeichen von Banalisierung, Trivialisierung des Lebens, Verlust von humaner Bildung – wo nur das unmittelbar praktisch Spürbare, die handfesten elementaren Bedürfnisse wirklich wahrgenommen werden.

    Und Gott sah, dass es gut war. Das ist die ganz ursprüngliche Grundaussage unseres Glaubens zur Welt, zum Menschen und seinem Gestaltungsauftrag. Es ist keine Verklärung von allen Entwicklungen, aber eine positive Grundbewertung: Die Gestaltung der Welt, die Arbeit, gehört zum Menschen wie das Erschaffen zu Gott. Dieser Gestaltungsauftrag ist mehr als Technik, um einen Nutzen zu ziehen. Wir neigen heute oft spontan zu der Ansicht, so bemerkte Romano Guardini 1965 in seinem Werk Das Ende der Neuzeit, »jede Zunahme an Macht sei einfachhin ‚Fortschritt‘; Erhöhung von Sicherheit, Nutzen, Wohlfahrt, Lebenskraft«.

    Aber, so führt Papst Paul VI. fort: »die außerordentlichsten wissenschaftlichen Fortschritte, die erstaunlichsten technischen Meisterleistungen, das wunderbarste Wirtschaftswachstum wenden sich, wenn sie nicht von einem echten sozialen und moralischen Fortschritt begleitet sind, letztlich gegen den Menschen«. 

    Technik ist blind. Sie erweitert unsere Möglichkeiten, aber nur wenn sie den Menschen wirklich dient, kann von Fortschritt die Rede sein. Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt? (Lk 9, 25)

  • Wenn der Mensch sich selbst verliert…

    Ja, man kann sich selbst verlieren, gelebt werden vom Rhythmus der Innovationen statt selbst zu leben. Die Freiheit verlieren in einer Wolke technischer Machbarkeit unter kommerziellen Vorgaben. Also muss der Fortschritt in einem größeren, humanen Kontext betrachtet werden. Bin ich Herr der Technik oder ihr Knecht? Nur drei Beispiele sollen zeigen, wie schillernd und zwiespältig das sein kann. 

    • Klar, die sozialen Medien ermöglichen eine unkomplizierte Kommunikation mit Freunden und Bekannten. Aber viele Leute sind nun ständig mit dem Handy beschäftigt, verschmelzen geradezu damit. Es scheint, als würde die virtuelle Kommunikation die reale verdrängen. Subjekt-Objekt Beziehungen verdrängen reale Personenbeziehungen.
      „Ich hab dich weggedrückt“ – Fortschritt?
    • Die Deregulierung der Finanzmärkte in Kombination mit dem Fortschritt der Kommunikationstechnik und Informatik ermöglicht globale Transaktionen in Sekundenschnelle. Länder sind heute Abschnitte auf den Festplatten der Bankrechner. Kein einzelner Nationalstaat kann ein global tätiges Unternehmen packen. Die nutzbaren Möglichkeiten sind dem rechtlichen Rahmen weit voraus. Und eine entsprechende globale Ordnung ist weit weg.
      Wer ist Herr, wer Knecht?
    • Gentechnik und Reproduktionsmedizin weisen eine Menge neue Möglichkeiten auf. Aber gehen dadurch nicht natürliche, existentielle Zusammenhänge verloren? Sogar dass jeder Mensch einen Vater und eine Mutter hat, verblasst, ja wird als soziale Konstruktion relativiert.
      Geht das gut?

    Homo Deus - so lautet der Titel eines aktuellen weltweiten Bestsellers des israelischen Historikers Yuval Harari, seine These lautet: Medizin und Technik werden uns zu gottgleichen Wesen machen, zu unbeschränkten Herren der Schöpfung – aber wenn die Menschen ihr MehrMehr Denken nicht ändern, so Harari, werden wir ziemlich unzufriedene Götter sein - weil wir in Wirklichkeit Sklaven geworden sind. 

    Das ist sicher ein zentrales Stichwort: Nachdenklich Werden. Die Menschen scheinen nicht mehr einfach an eine glückliche Zukunft zu glauben, sie vertrauen nicht blind auf ein besseres Morgen von der aktuellen Lage der Welt und den technischen Fähigkeiten her. Sie werden sich der Tatsache bewusst, dass der Fortschritt der Wissenschaft und der Technik nicht dem Fortschritt der Menschheit und der Geschichte entspricht, und ahnen, dass die grundlegenden Wege für eine glückliche Zukunft andere sind. Dennoch denkt man ebenso wenig daran, auf die Möglichkeiten, die die Technik bietet, zu verzichten. Die Menschheit hat sich tiefgreifend verändert, und die Fülle an ständigen Neuerungen heiligt eine Flüchtigkeit, die uns über die Oberfläche in eine einzige Richtung mitreißt. Es wird schwierig für uns, innezuhalten, um die Tiefe des Lebens wiederzugewinnen, sagt Papst Franziskus (Laudato sí 113).

    Wir können nicht zurück ins Paradies, aber wir können uns, um die ganze Tiefe des Lebens zu erschließen, um eine lebendige Nähe zu Gott bemühen. Das heißt, eine oberflächliche Pragmatik zu durchbrechen, den uns mitreißenden Strom der äußeren Entwicklung, wo es nur um Nutzen geht. Weisheit und erfülltes, sinnvolles Leben kann man nicht lernen, indem man ein Buch liest oder einer Vorlesung zuhört. Es muss wachsen. Es ist eine Lebensweise.

  • Die Tiefe des Lebens gewinnen – eine geistliche Aufgabe

    Die Tiefe des Lebens gewinnen: dazu braucht es die Reflexion über den Fortschritt im gesellschaftlichen und im persönlichen Leben. Dazu mehr in den folgenden Predigten. Die geistliche Aufgabe ist: Die Oberfläche durchbrechen. Ja, sicher, unser Leben ist viel komfortabler als das früherer Generationen, aber ist dieser Komfort das Entscheidende? Es gibt da eine sehr mächtige Eigendynamik im Menschen: unsere Reaktion auf Annehmlichkeiten ist nicht Befriedigung, sondern der Wunsch nach mehr. Was immer wir erreichen, wir wollen noch mehr, wir sind nie zufrieden - bis ins Alltagsverhalten hinein. Wir erwarten ständige Verbesserungen, wenn eine neue Produktgeneration auf den Markt kommt. Es enttäuscht uns, wenn kein neuer Knaller kommt. Wir erzeugen selbst den Druck, ständig und möglichst schnell Neues zu bringen.

    Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt? (Lk 9, 25) Die ganze Welt gewinnen - das schützt nicht davor, am Entscheidenden vorbei zu leben. Eine Lebensweise zu entwickeln, um die Tiefe des Lebens zu gewinnen, das ist die Aufgabe.

    Die christliche Spiritualität schlägt ein Verständnis von Lebensqualität vor und ermutigt zu einem prophetischen und kontemplativen Lebensstil, der fähig ist, sich zutiefst zu freuen, ohne auf Konsum versessen zu sein. Es ist … die Überzeugung, dass „weniger mehr ist“. Die ständige Anhäufung von Möglichkeiten zum Konsum lenkt das Herz ab und verhindert, jedes Ding und jeden Moment zu würdigen. Dagegen öffnet das gelassene Sich-Einfinden vor jeder Realität, und sei sie noch so klein, uns viel mehr Möglichkeiten des Verstehens und der persönlichen Verwirklichung. Die christliche Spiritualität regt zu einem Wachstum mit Mäßigkeit an und zu einer Fähigkeit, mit dem Wenigen froh zu sein. Es ist eine Rückkehr zu der Einfachheit, die uns erlaubt innezuhalten, um das Kleine zu würdigen, dankbar zu sein für die Möglichkeiten, die das Leben bietet, ohne uns an das zu hängen, was wir haben, noch uns über das zu grämen, was wir nicht haben. Das setzt voraus, die Dynamik der Herrschaft und der bloßen Anhäufung von Vergnügungen zu meiden. (LS 222)

    Das ist die originäre Chance der Fastenzeit: Uns neu zentrieren. Weniger ist mehr, das übersetzt der Papst mit materieller Genügsamkeit und Demut (LS 224). Sie führen zu größerer Freiheit, den Schöpfer zu betrachten, der bei uns lebt und dessen Gegenwart „nicht hergestellt, sondern entdeckt, enthüllt werden“ muss (LS 225, 226).

    In seiner Fastenzeit geht Jesus in die Wüste. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird. Ja super, das wäre doch der Fortschritt schlechthin! Jesus antwortet mit einem direkten Hinweis, was die Wahrheit über den Menschen, sein Ziel und seine Berufung ist:

    Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort aus Gottes Mund. Er ist nicht nur von dieser Welt und hat nicht nur sie zu gewinnen, sondern die Fülle des Lebens, die Teilnahme am Leben Gottes ist seine Berufung, sein Ziel. Das ist die volle Wahrheit über den Menschen. Gottes Wort erschließt uns einen lebendigen inneren Frieden, zu dem wir aus eigener Kraft nicht kämen: Gott ist die Liebe, und wir sind berufen, als sein Abbild zu leben - Gott und den Menschen zu dienen. Der volle Horizont des Fortschritts erschließt sich uns durch Wachstum in Wahrheit und Liebe. Amen.