Fastenpredigt von Gertrud Casel - am 4. März 2018 im Trierer Dom

Ziele des Fortschritts

Das Senfkorn wuchs und wurde zu einem Baum und die Vögel des Himmels nisteten in seinen Zweigen

(Lk 13,19)

Senfkorn, ein Bild für das Wachsen des Reiches Gottes

Ein Baum ist ein prächtiges und inspirierendes Wunderwerk der Natur. Klein sind die Anfänge. Senfkörner sind uns vielleicht weniger vertraut, dafür kennen wir Bucheckern oder Eicheln, alles klein und unscheinbar, noch kleiner das darin enthaltene Samenkorn. Dann werden daraus große starke Bäume, in deren Blättern der Wind rauscht, durch die Stürme hindurchgehen, die Kälte und Hitze überstehen, in denen Vögel nisten und zwitschern, in deren Schatten wir im Sommer ausruhen können und die Verbindung mit der Erde neu erahnen können, von der wir genommen sind.

Im Lukasevangelium gebraucht Jesus das Bild des Senfkorns für das Wachsen des Reiches Gottes und des Lebens in Fülle – eines Lebens, in dem der Mensch in Verbundenheit mit Gott, den Mitmenschen und der Erde und mit allen Mitgeschöpfen in Gerechtigkeit und Frieden lebt, im Shalom. Es hat schon angefangen: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“. Jesus Christus hat den Samen ausgesät als das Wort Gottes, das er selber ist. Die Saat braucht Boden, Sonne, Wasser, Pflege. Das Reich Gottes braucht Menschen, die es mit aufbauen. Es ist Gabe und Verheißung – und eine mächtige Herausforderung!

Wachstum und Entwicklung - statt "Fortschritt"

Jesus spricht nicht vom Bau eines Hauses, er entwirft keinen Bauplan; er redet auch nicht von der Gründung einer Kirche… Ob Senfkorn oder Sauerteig – Jesus wählt Bilder des Wachsens,  in denen sich aus kleinen Anfängen eine große, von innen angeleitete Dynamik entfaltet. Eher ein langsames Wachsen oder ein Sich-Entwickeln als das, was wir landläufig unter „Fortschritt“ verstehen.

Über Ziele des Fortschritts soll es aber heute in dieser Fastenpredigt gehen. Ein durchaus riskantes Unterfangen. In der Menschheitsgeschichte sind viele Ziele vorgeschlagen worden; Menschen wurden aufgefordert, für diese Ziele zu kämpfen, auch ihr Leben dafür einzusetzen: Unter den Römern war es z.B. die Pax Romana, das römische Friedensreich. Die klassenlose Gesellschaft war das Ziel bei Karl Marx: das Ziel einer Geschichte, geprägt von Klassenkämpfen, deren Lokomotive Revolutionen sind. Und immer haben sich Menschen – meist waren es Männer – zu Herren über die Deutung des Prozesses aufgeschwungen, zu Machern des Prozesses und schließlich zu Herrschern über die Menschen. Macht und Herrschaft sind leider allzu häufig die „hidden agenda“, sind die unausgesprochenen verborgenen Ziele hinter der attraktiven Vorderseite von Fortschritt und dessen Zielen.

Senfkorn: die erste kritische Botschaft

Da ist das Bild des Senfkorns selbst die erste kritische Botschaft. Wir können den Baum nicht machen, wir haben sein Heranreifen und erst recht seine Endgestalt nicht im Griff. Die Entwicklung zum Baum ist ein Prozess mit offenem Ende. Ein Wachstumsprozess, der schon angefangen hat, der zielgerichtet vor sich geht, dessen Dynamik nicht von uns kommt, den wir auch nicht beschleunigen, aber unterstützen können. Wurzeln, Stamm, Blätter, alle Teile müssen sich entwickeln können, sonst wird es nichts mit dem Baum, ein inklusiver Prozess muss es sein. Es gibt wesentliche und sogar notwendige Möglichkeiten der Mitwirkung, über die uns ein Forstwirt jetzt viel erzählen könnte. Wir können umso zielgerichteter mitwirken, je mehr wir diesen Prozess und seine Ziele erfassen und die Dynamik darin erkennen.

  • Integrale menschliche Entwicklung für alle

    Fortschritt im Sinn der Katholischen Soziallehre

    Als Papst Paul VI. Ostern 1967 die Enzyklika Populorum Progressio veröffentlichte, „Über den Fortschritt der Völker“, wurde dies in Deutschland selbstverständlich mit "Die Entwicklung der Völker" übersetzt. Diese Enzyklika beschreibt in prägnanter Weise die zwei Seiten des Wachstums, die wir auch auf den Fortschritt beziehen können. Wörtlich heißt es: „Jedes Wachstum hat seine zwei Seiten. Unentbehrlich, damit der Mensch mehr Mensch sei, sperrt es ihn (doch) wie in ein Gefängnis ein, wenn es zum höchsten Wert wird, der dem Menschen den Blick nach oben versperrt. Dann verhärtet sich das Herz, der Geist verschließt sich, die Menschen kennen keine Freundschaft mehr, nur das eigene Interesse, das sie gegeneinander aufbringt und entzweit.“ (Populorum Progressio (PP) 19)

    Die Enzyklika kritisiert, dass Fortschritt zu oft gleich gesetzt wird mit lediglich wirtschaftlichem und technologischem Fortschritt. Sie beschreibt Entwicklung (progressio) als das Ziel, eine integrale menschliche Entwicklung, die den ganzen Menschen im Auge hat und die gesamte Menschheit. Ich zitiere (aus PP 14) „Als Glied der Gemeinschaft, der Menschheitsfamilie, steht er (der Mensch) in einer existenziellen Solidarität mit allen Menschen, auch den Generationen nach uns.“

    Das oberste Ziel menschlichen Fortschritts im Sinne der Katholischen Soziallehre ist Gerechtigkeit und Frieden. Und nachdem es in PP heißt: „Entwicklung ist der neue Name für Friede“ kann man „Integrale menschliche Entwicklung für alle“ als das Ziel des Fortschritts benennen.

    Voraussetzung für diesen Fortschritt für alle ist der Vorrang für das Gemeinwohl, für das gemeinsame Wohl aller Menschen und des ganzen Menschen, das inklusiv und ganzheitlich und global gedacht ist. Dieser Vorrang muss gelten vor nationalstaatlichen Interessen. (Es geht genau nicht um „America first“ oder „Deutschland den Deutschen“). Die globalen öffentlichen Gemeingüter, wie Luft, Klima, Wasser bzw. Ozeane gehören allen; sie zu schützen und allen Menschen und zukünftigen Generationen zugänglich zu machen, hat Vorrang. Und das wird immer dringlicher, wie z.B. der Klimawandel deutlich macht oder der Plastikmüll in den Ozeanen.

    Um die Gemeinwohlorientierung umzusetzen, brauchen wir eine regelbasierte internationale Zusammenarbeit und gute Regierungsführung, global, national und lokal. Wir brauchen demokratisch legitimierte Regierungen und staatliche Akteure, die stark genug sind, um Recht durchzusetzen – auch gegenüber wirtschaftlichen Akteuren, auch gegenüber dem internationalen Finanzkapital.

    Und diese gute Regierungsführung brauchen wir dringendst auch international (wenn wir in diesen Tagen an Ost-Ghouta in Syrien denken): die Einrichtungen der internationalen Gemeinschaft müssen stark genug sein, um internationales Recht umzusetzen, wie wir dies z.B. beim UN Sicherheitsrat so schmerzlich vermissen, oder wie es anfanghaft gelungen ist beim Aufbau des Internationalen Strafgerichtshofs. Ein nächster Schritt wäre ein UN-Parlament. Denn wir brauchen eine Weltdemokratie mit Gewaltenteilung, Exekutive, Legislative und Jurisdiktion.

    Wir brauchen vor allem aber Menschen, die sich um unser gemeinsames Haus, die Erde, sorgen, die sich engagieren nicht nur für ihre Gemeinde und ihr Land. Wir müssen lernen, uns als Weltbürger zu verstehen, eine „global citizenship“ entwickeln.

    Und Migrantinnen und Migranten sind dann nicht die Störenfriede, sondern sie sind in gewissem Sinne die Pioniere dieser zukünftigen globalen Bürgerschaft – zusammen mit jenen, die sie aufnehmen, die sich um Integration bemühen. Sie sind die Vorreiter des wahren menschlichen Fortschritts.

  • Bewusstsein des gemeinsamen Ursprungs, der Zugehörigkeit einer geteilten Zukunft

    Voraussetzung: das Bewusstsein des gemeinsamen Ursprungs, einer wechselseitigen Zugehörigkeit und einer von allen geteilten Zukunft

    In der Enzyklika „Laudato sí“ schreibt Papst Franziskus „Viele Dinge müssen ihren Lauf neu orientieren, vor allem aber muss die Menschheit sich ändern. Es fehlt das Bewusstsein des gemeinsamen Ursprungs, einer wechselseitigen Zugehörigkeit und einer von allen geteilten Zukunft“. Es braucht eine gewaltige Anstrengung, wenn wir zukünftigen Generationen eine lebenswerte Welt hinterlassen wollen. Grundvoraussetzung, damit dies gelingt, ist die Erkenntnis, wo wir herkommen, wo wir hingehen, dass jeder und jede Abbild Gottes ist, dass wir als Menschheitsfamilie zusammengehören, ein Fortschritt in der Erkenntnis unserer selbst und unserer Wirklichkeit samt ihren Abhängigkeiten. „Dieses Grundbewusstsein würde die Entwicklung neuer Überzeugungen, Verhaltensweisen und Lebensformen erlauben.“ (Laudato si (L sí) 202)

    In der Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung, die die UN im September 2015 beschlossen hat, sind die notwendigen Transformationsprozesse unserer Welt mit 17 Zielen beschrieben: Beendigung des Hungers, Abbau der Ungleichheit, menschenwürdige Arbeit, friedliche und inklusive Gesellschaften und andere. Papst Franziskus hatte bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York den versammelten Staatenvertretern eindrucksvoll ins Gewissen geredet. Er hat aber auch Zusammenarbeit angeboten angesichts der großen kulturellen, spirituellen und erzieherischen Herausforderungen auf dem Weg zu einem nachhaltigen Lebensstil, zu einem gerechten und friedlichen Miteinander.

    Der Beschluss zu den Nachhaltigen Entwicklungszielen steht – aber alles hängt von der Umsetzung ab. Und diese Umsetzung wird nicht gelingen, wenn wir nicht die Gleichgültigkeit überwinden, die sich wie eine undurchdringliche Mauer zwischen uns aufgebaut hat, vor allem die Gleichgültigkeit gegenüber den fernen Nächsten. Wir müssen uns daran erinnern, dass Gott nicht nur uns anschaut, sondern ebenso den Kaffeebauern in Kenia, die Indigene Quetschua-Frau in Bolivien…

    Auch in diesem Kontext sind die fernen Nächsten, die uns als Flüchtlinge oder Arbeitsmigranten auf die Pelle rücken, eine starke Bewegung, die die Mauer der Gleichgültigkeit in unseren Köpfen und Herzen einreißen kann. Sie sind ein großes Potential auf die Zukunft hin. Ein Zeichen der Zeit, das eine mutige Antwort aus dem Glauben verlangt.

  • Umkehr tut not

    Umkehr, das bedeutet im griechischen Wortlaut „meta-noia“ „darüber hinaus denken/erkennen“. Die Lesung, die wir eben gehört haben, endet mit dem Satz „Denn die Erde ist voll von der Erkenntnis des Herrn“. Da wird friedliches inklusives Zusammenleben beschrieben, mit poetischen, ausdrucksstarken Bildern: Der Wolf wohnt beim Lamm, Kalb und Löwe weiden zusammen, Kuh und Bärin befreunden sich – zu schön, um wahr zu sein?  Nicht mehr der ewige Kreislauf von Fressen und Gefressen-Werden, sondern paradiesischer Friede. Auch zu Jesajas Zeiten ging es nicht um die Schilderung einer idyllischen Menagerie. Da war die aggressive Großmacht aus Syrien, eine wachsende Bedrohung für Israel. Eroberungen, Plünderungen, Verwüstungen, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf…

    Im Kontrast dazu beschreibt der Prophet im Bild von der ungewöhnlich friedlichen Koexistenz von Tieren das Verhältnis von Völkern und Menschen zueinander, von Starken und Schwachen, Aggressiven und Sanftmütigen. Wer oder was hat dieses Wunder vollbracht: Die Erkenntnis Gottes und die Erkenntnis der Zugehörigkeit aller Menschen und aller Völker zu Gott. (An dieser Erkenntnis hatte das auserwählte Volk Israel sehr wohl zu knabbern: am Ende nicht allein auserwählt zu sein.) Und erst dann werden die Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet, wenn wir erkennen, dass wir zusammengehören. Erkennen aber, so wie es die Bibel meint, spielt sich nicht nur im Kopf ab.

    „Mir kehren sie ja den Rücken zu und nicht das Gesicht“ spricht Jahwe nach dem Propheten Jeremia zu seinem Volk (Jeremia 2,27). In unserem alltäglichen Bewusstsein kehren wir allzu häufig Gott den Rücken zu und nicht das Gesicht. Das trifft meines Erachtens den Kern der Misere unserer Tage: eine tiefe Gottvergessenheit.

    Weil wir vergesslich sind – in einer existentiellen und oft tragischen Weise vergesslich! Wir vergessen, wo wir herkommen, wo wir hingehen, wer wir sind. Und je mehr wir vergessen, dass alle Menschen einen gemeinsamen Schöpfer haben und dass in uns allen derselbe Heilige Geist atmet, umso schwächer wird unser Gefühl für die Verantwortung, in der wir in der Menschheitsfamilie zueinander stehen.

    In der Gottvergessenheit hören wir auf, Gott zu suchen und nach ihm zu fragen. Wir leben in Mustern der Vereinzelung, funktionieren in einer Ellenbogen-Gesellschaft nach den Gesetzen von Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit und schätzen dementsprechend auch die Mitmenschen und Mitgeschöpfe ein. Ex und hopp, wenn sie nicht mehr gebraucht werden: Dieser reine Utilitarismus schwächt nicht nur die Solidarität der Menschen untereinander. Er hat längst Eingang gefunden in die internationale Wirtschafts-Unordnung. In dieser Unordnung haben die Deregulierung und ein kannibalistischer Wettbewerb die solidarische Komponente zurückgedrängt. Sozialdarwinismus mutierte zur Tugend: stärker sein als andere, höher, besser, schneller.

    Es mangelt an der Erkenntnis, dass wir nicht nur Teil eines Unrechtssystems sind, sondern auch zu dessen Fortsetzung beitragen. „Selbst am Saum deiner Kleider klebt das Blut von Armen“, hieß es bei Jeremia (2,32.34)... Das gilt auch für viele unserer so preiswerten T-Shirts, das haben wir spätestens beim Brand von Rana-Plaza in Bangladesch merken können. Gerade in den letzten Jahren haben Ressourcen-Engpässe und Klimakatastrophen unsere lange verdrängte Beteiligung an der rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Natur ins öffentliche Bewusstsein zurückgerufen, haben den Unschuldswahn erschüttert. Wechselseitige Abhängigkeiten zwischen unserem Verhalten und Katastrophen an fernen Orten sind nicht mehr zu leugnen.

  • Nachhaltig solidarisch leben - Entwicklung für alle - Umkehr in der Fastenzeit

    Wege zu einem nachhaltigen solidarischen Leben, zu integraler menschlicher Entwicklung für alle, Wege der Umkehr in der Fastenzeit

    Was bedeutet das für unseren Weg in den verbleibenden Wochen der Fastenzeit? Zunächst: im Kontakt sein mit der Fülle des Lebens, raus aus der Gottvergessenheit.

    Für Hildegard von Bingen beginnt der Weg zurück zu Gott mit dem ersten Schritt der „recordatio“, mit dem „Sich erinnern“. Wenn wir es wörtlich übersetzen: „re cor dare“ – dem Herz wieder zurückzugeben gilt es; uns wieder zurückzurufen, wer wir sind, woher wir kommen, wohin wir gehen. Wenn wir die Quellen in uns einmal freigegraben haben, dann hat dieser Prozess weniger etwas von einer moralischen Kraftanstrengung, sondern eher etwas vom Einschwingen in die Melodie Gottes, die uns gegeben ist. Entscheidend ist, unsere Vergesslichkeit gegenüber Gott zu überwinden, die uns taub macht für Seine Melodie. Er will unsere Blindheit heilen, so dass wir sehen lernen, dass Er uns in Menschen entgegenkommt.

    Gegen die Globalisierung der Gleichgültigkeit müssen wir raus aus der Vereinzelung und teilen lernen, die Solidarität globalisieren. Dazu braucht es ein neues Herz, braucht es Compassion, Mitleiden. Aus der Energie des Mitleidens entsteht die Kraft, etwas gegen die Not zu unternehmen. Gott ist in der Lage, uns statt unserem „Herzen von Stein“ ein „Herz von Fleisch“ zu geben, wie es beim Propheten Ezechiel heißt. Wir müssen ihn aber darum bitten, dürfen nicht aufhören, nach ihm zu suchen.

    Schließlich: als Kirche, als Gemeinde gilt es, einzustehen für den notwendigen gesellschaftlichen Wandel im Lebensstil, im Produzieren und Konsumieren, in der Mobilität. Und diesen Wandel selber zu leben und zu vollziehen, zu unserem Heil und zum Heil der Welt, wie es in klassisch liturgischer Sprache heißt.
    Werden wir ein wenig mehr zu Weltbürgern, denken wir über unseren Tellerrand hinaus. Kehrt um und erneuert die Welt! Eine große Herausforderung, ein Fortschritt, der den Einsatz lohnt!